„Die Oma würde ich nicht von der Bettkante stoßen.“ Zugegeben, der Spruch lag mir noch nie auf den Lippen. Was nichts über die Attraktivität älterer Frauen aussagt, sondern vor allem über meine eingefahrenen Denk- und Fühlgewohnheiten. Ebenfalls zugegeben: Junge Frauen werden ihren Reiz auf mich wohl bis kurz vor dem Krematorium behalten – was einerseits etwas über Evolution aussagt, aber eben auch über Verhaltensmuster.

Mit 32 Jahren hatte ich mich in eine wunderbare Frau verliebt. Stumm und ohne Offenbarung, denn erstens war sie Pfarrerin und zweitens war ich verheiratet mit damals noch zwei Kindern. Das Spannende daran: Irgendwann erfuhr ich, dass sie vier Kinder hatte und 48 war. Aha.

Heute denke ich: Das war mein Zugang zur Liebe im Alter. Heute bin ich über 30 Jahre älter, aber an meinem Gefühlsrepertoire hat sich fast nichts geändert. Fast. Und dieses „fast“ hat es in sich: Ich spüre eine viel größere Geduld in mir, eine viel größere Freude an langsamer, feiner Entwicklung von Zuwendung und Zärtlichkeit. Ob sich dann daraus mal Sex entwickelt oder nicht, ist beinahe egal. Was nicht heißt, dass mir ein One-Night-Stand nicht auch mal gelegen käme. Nur: Wichtig ist er gar nicht mehr, er erscheint mir eher wie ein Eingangsportal zu Beziehungsproblemen, die ich nicht mehr brauche.

Zwei Drittel aller Deutschen über 65 haben noch Sex, erzählt uns Klaus Beier, Leiter des Instituts für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Charité, schwächt das Thema aber gleich ab, indem er die sinkende Koitus-Frequenz betont. In gleich welchem Alter gehe es uns um „Nähe, Annahme, Sicherheit und Geborgenheit“, um „Geborgenheit“. Stimmt, so ist das. Und genau genommen: Das war auch vor 30 Jahren so.

Freie Liebe ist grade mega-in. Begonnen hat aber alles schon viel früher, mindestens im alten Griechenland vor zweieinhalbtausend Jahren. Damals verführte Zeus bekanntermaßen, was das Zeug hielt. Jede irdische Verkleidung war ihm recht, solange er an die Menschinnen rankam: Stier, Schwan, Adler, Kuckuck. Und noch so manche anderen Götter und Göttinnen hatten sich dem Thema Liebe verschrieben: Aphrodite, Eros, Pan und Dionysos.

Vielleicht ist das ja der tiefere Grund, weshalb die Griechen neben den Brasilianern bis heute als die „Sexweltmeister“ gelten. Mit Sicherheit aber haben die Christen Pans Bocksfüße genutzt, um ihn in den Teufel zu verwandeln und die gesamte Wollust zur Sünde zu machen. Aber das ist ein anderes Thema. Fest steht jedenfalls, dass die alten Römer die noch rituell gezügelten griechischen Orgien übernahmen und in erotisch-sexuelle Volksveranstaltungen verwandelten. Im Rom der Zeitenwende durften alle mit allen: Männer mit Männern, Frauen mit Frauen, Erwachsene mit Kindern.

Für die Christen im alten Rom war diese Zügellosigkeit ein gefundenes Fressen. Zwar zeigte sich so mancher frühe Papst als den spätrömischen Verlustierungen durchaus zugänglich, doch generell wurde freie Liebe als „Sünde“ abgeschrieben – jahrhundertelang. Monogamie galt als das normativ richtige, „normale“ Verhalten, vor allem für Frauen; Männer durften fremdgehen. Grundlegend zu ändern begann sich das erst, als Ende des 19. Jahrhunderts amerikanische Feministinnen es ablehnten, Männern ihren Körper zur Verfügung zu stellen, nur um wirtschaftlich versorgt zu sein. Für sie war die bürgerliche Einehe eine Art von institutionalisierter Prostitution. Der Wiener Arzt Wilhelm Reich entdeckte schließlich Anfang des 20. Jahrhunderts die sexuelle Zwangsmoral als Ursache von Neurosen. So beförderte ihn auch die Hippiebewegung, die freie Liebe für jedermann propagierte, zu ihrem „Guru“.

Als Sexguru bezeichnete die westliche Presse den indischen Gelehrten und Philosophen Chandra Mohan Jain, der sich später Bhagwan und schließlich Osho nannte. Für ihn waren Erotik und Sexualität mögliche Instrumente innerer Befreiung. Seine Jünger, die Sannyasins, waren für die meisten westlichen Linken und Reformer spirituelle Spinner, die zugunsten ihrer emotionalen Befindlichkeit auf gesellschaftlichen Wandel verzichten. Ganz in der Nachfolge der Amerikanerinnen war für viele Linke die „Kommune“ ein Befreiungsinstrument, gerichtet gegen die bürgerliche Kleinfamilie.

In Form der Polyamorie erobert die Freie Liebe heute auch die gesellschaftskritischen Schichten. Hier geht es nicht mehr um das Abwerfen von Zügeln, nicht mehr gegen die alte Moral, sondern um eine Bewegung hin zu einem verantwortungsvollen Umgang mit dem eigenen Gefühlsrepertoire – wozu eben auch die Sexualität zählt. Polyamorie grenzt sich ab von Polygamie und geht weit über die Monogamie hinaus. Aber auch das ist eine – spannende – weitere Geschichte.

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Rosa Rose,
Karmesin,
Granat,
Meerbusen der Peloponnes,
Gift,
sheer,
lips drive crazy,
Melone & Ananas,
ma reigne de dessous …

Claude-Oliver Rudolph

Es gibt Blüten, vor denen möchte man die Knie neigen, so schön sind sie – auch als Mann. Sie berühren unsere inneren Saiten so sehr, dass wir schier zu zittern beginnen. Zumindest dem einen oder anderen von uns geht das so. Geschehen kann uns das auch beim Anblick einer Frau, ganz unabhängig übrigens von dem jeweiligen Schönheitsideal, das sie erfüllt. Es ist dieses Göttinnen-Gefühl, das SIE dann in uns zum Schwingen bringt und das uns schier überwältigen kann.

Aber darf „Mann“ von einer Frau so verschwenderisch schwärmen?

Wenn nein, was geschieht dann mit seiner Fantasie und Leidenschaft? Schiebt er sie unter den Teppich von guter Sitte und Prüderie und belügt sich selbst (und SIE)? Schlägt er den Schmetterling in seiner Seele tot wie ein störendes Insekt? Weil seine Umgebung ihn vielleicht belächelt oder für entartet hält. Weil seine Schwärmerei nicht zu seiner Männlichkeit passt? Weil SIE ihn dann nicht mehr ernst nimmt. Oder sich von ihm angemacht fühlt?

Wenn ja, was wäre die angemessene Form? Natürlich gibt es die konventionellen Wege der Annäherung, der genährten Hoffnungen über Stunden, Wochen oder Monate hinweg. Die Schmeicheleien, die Komplimente, die Blumen, die „zufälligen“ Berührungen. Doch was, wenn der Blitz ihrer Erscheinung ihn auf der Straße trifft bei einer zufälligen Begegnung; wenn SIE im gleichen Zugabteil sitzt und ihr Lächeln ihm den Atem raubt oder ihre Stimme im Café zwei Tische weiter bei ihm Schauer der Lust auslöst? Kann er dann zu ihr gehen und aus tiefster Überzeugung sagen: „Pardon, darf ich Ihnen gestehen, dass mir Ihre Schönheit den Atem raubt? Dass ich mich Ihnen am liebsten zu Füßen werfen möchte, wenn die Situation dies erlaubte?“ Nein, das darf er natürlich nicht. SIE würde denken: Der Kerl ist komplett durchgedreht. Wo ist die Polizei? Gleich geht er mir an die Wäsche. Hiiiiiilfe!

Also tut er es nicht. Also erschlägt er seine Begeisterung für SIE wie einen fetten, haarigen Nachtfalter, der im rechten Licht doch auch ein Pfauenauge sein könnte. Er verbannt Poesie und Hingabe aus seinem (und ihrem) Leben, weil Begeisterung für eine Frau eben verrückt ist und natürlich auch nicht politisch korrekt. Denn wer weiß: Könnte SIE sich nicht als Objekt seiner Fantasie empfinden, missbraucht von seiner Begeisterung? Ganz ausgeschlossen ist das nicht. Und weil er ja so sehr für SIE schwärmt, würde er ihr diese Schmach nie antun wollen – und hält seinen Mund.

Noch mehr und ganz und gar ausgeschlossen ist SELBSTVERSTÄNDLICH (?), dass SIE  sich IHM erklärt. Oder?