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Männer sind Holzkohle, Frauen Briketts

Einen imaginären Freund hat man im Kindesalter, so die landläufige Meinung. Mädchen häufiger als Jungs, ab dem Grundschulalter dann etwa gleich oft. Das Phänomen ist wohl uralt, obwohl die ersten Studien dazu natürlich erst aus dem 20. Jahrhundert stammen. Erst als ich las, dass frühe Gesellschaften das Phänomen als einen Kontakt zu den Ahnen oder den Göttern interpretierten, war mein Interesse geweckt: Wie und was wäre mein imaginärer Freund? Wie wäre dieses Wesen drauf? Wäre es eine Sie oder ein Er? Aus meinen eigenen Erinnerungen kann ich da leider nicht schöpfen, denn ich bin in den Siebzigern Kind gewesen; zu einer Zeit, als es noch Spielkameraden in Hülle und Fülle gab, und wir Kinder barsch ins Haus gerufen wurden, wenn es dunkel wurde. Ganz anders als heute, wo man als Eltern den Nachwuchs zum Gassi-Spielplatz befehlen muss – und sei es nur für eine halbe Stunde. Praktisch übrigens, wenn man als Elternteil auch einen Hund hat, dann geht das in einem Aufwasch. Aber ich schweife ab.

Nahezu jeder Mensch hatte als Kleinkind seinen imaginären Freund

Kolportiert wird nämlich, dass es überwiegend Einzelkinder sind – beziehungsweise durch Scheidung oder die Segnungen des Niedriglohnsektors mit integrierter Isolationshaft Betroffene –, die auch in reiferem Alter die unstillbare Sehnsucht nach einem Partner hegen. Nach einem Partner, der genau ihr Spiel spielt, dieses „Du willst, was ich will“. Und wenigstens fast immer für sie da ist. Besser: So oft wie möglich? Langer Rede, kurzer Sinn: Eine Menge Menschen da draußen, denen ich begegnet bin, leben in puncto Partnerschaft fröhlich nach dem Motto „Farmen und formen!“ Ein Begriffspaar, das ich gerne erklären will – und zugleich auch eine Hypothese aufstellen.  Warum? Weil ich’s kann. Weil ich jetzt einfach mal behaupte, dass nahezu jeder Mensch als Kleinkind seinen imaginären Freund hatte. Wobei die Wahrscheinlichkeit, diese Kleinkind-Phase zu vergessen, hoch ist: Das kann in den Träumen passiert sein, „diese eine Woche damals, als du drei warst und ‚Fieber‘ hattest“. Gut, Eltern könnten das wissen. Vielleicht. Und vor allem, wenn man sie rechtzeitig fragt, bevor sie sterben. Tut aber kaum einer. Stattdessen gilt das Motto: „Farmen halt“ (erklär ich weiter unten), offiziell nach dem passenden Sexual- und dann idealerweise auch Lebenspartner. Passt endlich jemand in dieses Beuteschema, dann passiert etwas Neues!

Mächtige Verdrängungsmechanismen

Also bitte jetzt nicht falsch verstehen, diese Zwischenüberschrift war nicht männerverachtend gemeint. Haben die schnell lodernden Männer eine NGO, bei der ich mich diesbezüglich entschuldigen kann? Finde jetzt nix, pisse erst mal an den Zaun der Gender-Korrektheit. Und kehre zurück zum roten Faden. Es passiert etwas Neues! Was ist das? Es ist natürlich (sonst wäre es nicht als Hypothese formuliert) das „Formen“. Und da unterscheiden sich Männer und Frauen anfangs kaum. Der Abgleich zwischen dem „Imaginären Freund“ und der Person gegenüber (Stehtisch, Sitzecke, Sofa – wer weiß?) erfolgt rasch. Fucking schnell sogar, um es jetzt  mal auf Neudeutsch zu sagen. Ist er negativ – Reboot, wir kennen das – dann geht es zurück auf das „Farmen“-Level. Farmen? Das ist eigentlich ein Begriff aus der Computerspielszene, der das Anhäufen von Ressourcen im Spiel umschreibt, und in der althergebrachten Sprache so ungefähr „warm halten auf kleiner Flamme“ bedeutet. Ist der Vergleich aber positiv, dann scheiden sich nun häufig die Geister, vulgo Geschlechter und natürlich gibt es mächtige Verdrängungsmechanismen.

Geist aus der Flasche

Ja, ich weiß – habe jetzt immer noch keine Antwort auf die Grill-Frage in der Überschrift gegeben. Grill-Frage? Ja klar doch. Die jungen Menschen heute hatten per Geburt durchwegs Zentralheizung. Nix mit Kinderjobs wie „die volle Ölkanne vom Keller bis in den dritten Stock tragen“. Kohleschippen war nicht meine Generation, muss aber auch Scheiße gewesen sein. Ach ja, der Grill: Die jungen Menschen kennen die Unterscheidung zwischen Holzkohle oder Brikett, wenn sie totes Tier oder neuerdings auch Zucchini mit irgendwas drauf auf einen Alu-Rost über einem zufällig anwesenden Feuer rösten. Und genau so ist das auch beim Umgang mit der eher unfreiwillig beobachteten  Entdeckung: Das könnte mein (neuer) „Imaginary friend“ sein! Entweder es lodert schnell (Mann) oder die Entdeckung ist so beachtlich, dass eine längere Observation erforderlich ist (Frau). Oder man ist ab einem gewissen Alter einfach drüber weg. Projektion und Indoktrination auf einen – wie auch immer ausgewählten Partner – hilft nicht?

Episches Duell zweier Backmaschinen

Und an diesem Punkt komme ich zu dem Moment zurück, in dem ich beschlossen habe, zu diesem Thema zu schreiben. Weil das „Du willst, was ich will“ steckt natürlich auch in mir. Und das „Formen-Wollen“ kenne ich natürlich auch. In der Regel enden solche Beziehungen wie beim epischen Duell zweier Backmaschinen: Zerfetzter Teig auf beiden Seiten und nix, was man in den Ofen schieben und danach genießen könnte. Und ja – im Nachgang dieser Erwägungen neige ich dazu, meinen „Unsichtbaren Freund“ nicht mehr im Außen, bei anderen Menschen, sondern in mir drin zu suchen. Das sollte doch kein Problem sein? Was ich im Vorschulalter konnte … kann ich jetzt auch.

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Geburt – dabei sein oder nicht?

Okay – zumindest für die Damen unter meinen Lesern stellt sich diese Frage (zumindest vorläufig noch) nicht. Nach wie vor läuft die Geburt nicht ohne die Frau (aber auch das wird sich ändern, wenn es uns als Spezies noch hundert Jahre gibt): Mitten drin, live dabei, viel Geschrei – jaja so geht das, seitdem es unsere Spezies gibt. Für uns Männer ist das ja nicht so. Je nach Kultur und Stimmungslage in der Gesellschaft gibt es unterschiedliche Wahlmöglichkeiten für die selbsternannten Herren der Schöpfung. In früheren Zeiten und zahlreichen Kulturen war es wohl so, dass sich die Männer aus diesem finalen Prozess des „Auf die Welt Kommens“ heraushielten, beziehungsweise sogar herauszuhalten hatten. Stattdessen einen von dem legendären Selbstgebrannten, Füße hochlegen, (vielleicht) beten und der dräuenden Durchsage der Geburtshelferin harren, bei der es eigentlich nur drei Varianten gab: Junge, Mädchen, tot.

Irgendwas mit Hollywood?

Heute in Deutschland ist das natürlich anders. Als für mich zu ersten Mal die Frage auflief, bei der Geburt dabei sein zu wollen oder eben nicht, stand es für mich die Antwort völlig außer Frage: Ja, ich will! Warum das eigentlich so war, ist aus der Retrospektive allerdings unklar. Weil ich es an anderer Stelle, dem Standesamt, eh schon mal gesagt hatte? Woher kam diese klare Positionierung eigentlich? Ich weiß es offen gestanden nicht wirklich. Irgendwas mit Hollywood vermutlich. Eine ausreichend hohe Anzahl geguckter Filme, in denen frisch gebackene Väter – natürlich unter vorheriger Ausblendung blutiger Begleiterscheinungen – glückselig ihren frisch geschlüpften Nachwuchs am Kindsbett im Arm halten. Brainwash halt, im Rückblick kann ich es wirklich nur so bezeichnen und trotz intensiven Nachdenkens gelang es mir nicht, den entscheidenden Film zu identifizieren, der mich dazu bewog, dabei sein zu wollen.

Fruchtwasser weg? No problem!

Aber Fakt war: Ich war voll dabei. Geburtsvorbereitungskurs und solidarisches Hecheln an zufällig anwesenden Petzi-Bällen. Grunzend räkeln auf Isomatten. Und dann: Fruchtwasser geht raus und ab in die Klinik! Eine Klinik im Übrigen mit christlichem Hintergrund (Stichwort Mission), die sich sehr stark dem Gedanken der natürlichen Geburt verschrieben hatte. Was insbesondere die für uns zuständige Hebamme mit einschloss. Fruchtwasser weg? No problem! Jetzt war Treppensteigen angesagt. Rauf runter, runter rauf – dann mal Zwischenstopp, ein bisserl Gefummel in der Vagina, am Muttermund und was weiß ich noch wo und weiter ging das. Fast 24 Stunden und irgendwann war ich so platt – obwohl nur der Mann an ihrer Seite –, dass ich fast vom Petzi-Ball gekippt wäre. Die Hebamme hat mich an die frische Luft geschickt. Ich vergaß zu erwähnen, dass ich aus Schwangerschaftssolidarität mit dem Rauchen aufgehört hatte. Und wer stand da am Ausgang, als ich auf der Suche nach Frischluft war? Richtig – eine Krankenschwester beim Qualmen, die mir wortlos ihre Packung Marlboro hinhielt. Natürlich griff ich zu.

Showdown? Check!

Wenig später war es dann so weit. Der Showdown! Nicht weil das Kind von alleine kam, sondern weil der diensthabende Testosterongeschwängerte Arzt wohl endlich mal was Neues ausprobieren wollte. Den Kristella-Handgriff: Der geht plump gesprochen so, dass der Arzt volle Lotte (Ellbogen voraus) auf den Bauch der Schwangeren drückt und hofft, dass unten was bei raus kommt. Was denn auch der Fall war: unser Sohn, schon blau angelaufen, weil sich die Nabelschnur um seinen Hals gewickelt hatte. Ein Bild, das niemand braucht. Die Löschfunktion im menschlichen Gehirn ist bei derlei Ereignissen verbesserungswürdig. Mehr? Okay, ich halte mich zurück. Nur so viel: Natürlich hatte die brutale Form der Entbindung einen Dammriss verursacht und ich hatte das Vergnügen, diesem psychopathischen Arzt (Zitat: Eigentlich wäre ich gerne Chirurg geworden) beim Zusammenflicken der intimsten Teile meiner Frau zuzusehen. Check! Natürlich hatte auch das Gefummel der Hebamme ohne Fruchtwasser Nachwirkungen – Sohn kommt mit Mittelohr-Infekt auf die Welt, Intensivstation. Check! Der Entzug von Geruch und Aura der Mutter auf der Intensivstation versetzt dem Neugeborenen ein Trauma – zwei Jahre Schreikind ahead – Check! Unfassbar – oder? Trotzdem war ich drei Jahre später wieder mit von der Partie, als mein zweiter Sohn zur Welt kam. Aber das ist eine andere Geschichte. Nur so viel: Schlechte Bilder kriegt man nicht so einfach weg. Das kann einfach der falsche Film oder die falsche Serie sein, die du schaust. Schalt rechtzeitig aus, dein Hirn vergisst nicht. Oder aber eben eine selbstverständlich scheinende Entscheidung im Real Life, die auch immer noch flüstert: Das wolltest du nicht sehen.

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Penisbilder – Selfies für untenrum

Penisbilder – die Selfies für untenrum – bekommen heutzutage zahlreiche Frauen geschickt, wenn sie auf Social Media unterwegs sind. Sprang „in der guten alten Zeit“ der Exhibitionist noch standesgemäß hinter einem Busch hervor und entblößte unter seinem klischeehaft langen Trenchcoat sein Geschlechtsteil, dann war das den Lokalzeitungen noch einen Zweispalter auf der Titelseite wert.

Heute ist das anders. Junge Frauen wachsen auf mit Datingportalen; früh lernen sie, dass sich Tinder auf Kinder reimt und die Exhibitionisten der Gegenwart haben es gut. Sie müssen nicht mehr länger frierend hinter dünnlaubigen Büschen ausharren, sondern können bequem im heimischen Wohnzimmer ihr bestes Stück in ein wohlgefälliges Licht setzen und unaufgefordert als persönliche Nachricht an jene Frauen senden, die ihre Aufmerksamkeit erregt haben. Wie geil ist das denn? Musste man früher – zuzeiten der analogen Fotografie – in der Tat fürchten, das Penisbild könnte einem Fotolaboranten auffallen, ist es heute – ohne Furcht vor einer Anzeige – fertig zum Versand, an eine nicht nach oben begrenzte Zahl potentieller Empfängerinnen.

Sind Pornos an den Penisbildern schuld?

Nachdem ich beschlossen hatte, über dieses Thema zu schreiben, wurde mir schnell klar, dass ich diesbezüglich über unzureichende Erfahrungen verfügte und verfasste einen Post in einer sehr lustigen Single-Gruppe auf Facebook, der da lautete: „Tach! Schreibe gerade am Blog der Woche – Thema: Penisbilder! Was sagen die Damen dazu? Sind hier Männer, die schon welche verschickt haben und das kommentieren wollen? Gerne per PN.“ Um es vorweg zu nehmen. PN‘s von Männern, die aktive Verschicker von Penisbildern sind, habe ich nicht bekommen. Was schade ist, denn es hätte mich sehr interessiert, was in diesen Männern dabei vorgeht. Interessant und nachdenkenswert fand ich in diesem Zusammenhang die Aussagen der Hamburger Psychotherapeutin Ann-Marlene Henning, die sie in einem Interview zum Thema „Penisbilder“ der Website „Barbara.de“ traf. Sie sagte: „Für Männer geht es beim Penis häufig um Größe. Schuld daran sind auch die Pornos, die sich sehr, sehr viele Männer regelmäßig anschauen. Hier wird sich erneut verglichen. Doch diese zeigen kein Abbild der Realität, sondern nur Riesen-Penisse, darüber sollten schon Jugendliche aufgeklärt werden. Die Penisgröße ist somit für Männer, was für uns die Kleidergröße ist. Sie fühlen sich zu kurz und wir zu dick. Schuld daran sind unrealistische mediale Bilder.“

Penisbilder – nichts für Frauen

Das fand ich wohltuend relativierend und die ja auch bei mir spontan auftauchende Phrase vom Exhibitionisten durchaus entkräftend. Aber zurück zur Singlegruppe und dem, was die betroffenen Damen dort zum Thema beizutragen hatten. Schnell wurde klar, dass sich eigentlich keine Frau über so eine „Botschaft“ freut. Also fragte ich nach: „Ab welchem Zeitpunkt der Kommunikation kommen die denn? Gleich am Anfang oder erst, wenn man eine Weile geschrieben hat?“ Die Antworten waren unterschiedlich, ließen aber Rückschlüsse auf ein gewisses Muster zu. Hier eine Auswahl: „Laut einigen Damen als Einstieg unmittelbar nach der Frage “wie geht’s“?” „3 bis 4 Sätze … dann kommt das Sex-Thema und die Pimmel-Fotos – äußerst nervig“. „Ich habe auch schon welche komplett ohne Vorwarnung bekommen. Ohne Kommentar, ohne auch nur ein „hallo, wie geht‘s dir“ vorher…“. Oder auch: „Man bekommt Penisbilder entweder als Einstieg mit den Worten “da würdest du doch gerne mal drauf sitzen” oder wenn man schreibt “danke kein Interesse” als Bonus so nach dem Motto “schau was du verpasst”. Was nicht klar wurde in den Feedbacks war, wer das eigentlich verschickt. Jüngere? Ältere? Männer aus einem schwierigen sozialen Milieu? Hierzu gab es keine klaren Aussagen und bringt mich zu der Vermutung, dass es kein klares Muster gibt, sondern schlicht nur eine Fixierung verschiedenster Männer auf ihr bestes Stück, das ihnen als schlagendes Argument in einer persönlichen Unterhaltung erscheint. Oder wie der Lateiner sagt: Coito, ergo sum! Bis bald mal wieder …

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Face it: Du bist nicht einzigartig!

„Was ich habe, ist Charakter in meinem Gesicht. Es hat mich eine Masse langer Nächte und Drinks gekostet, das hinzukriegen“ – das wusste schon Humphrey Bogart, und ich kann dem nur zustimmen. Aber was, wenn du einem dir unbekannten Menschen derart ähnlich siehst, dass dessen Bekannte dich tatsächlich für „Ihn“ halten? Mir ist das mit Anfang zwanzig zum ersten Mal passiert. Es fing damit an, dass die Türsteher meiner damaligen Stammdisco damit begannen, mich kostenlos reinzulassen. Plötzlich war da dieser wissende Blick, ein kurzes Nicken und schon war ich drin! Und dies, nachdem ich zuvor jahrelang brav meinen Eintritt bezahlt hatte. Hatte es damit zu tun, dass nun alle Welt erkannt hatte, dass ich wirklich cool war und endlich in der „Szene“ angekommen? Ironie aus: Ich gestehe, dass ich mir damals gar keine großen Gedanken gemacht, sondern dieses Procedere einfach nur als angenehm hingenommen habe.

Wilder Sex und großzügiger Drogenkonsum

Das änderte sich allerdings nur kurze Zeit später. Da gab es eine schöne junge Frau, die mir ausnehmend gut gefiel. Und weil ich in solchen Fällen durchaus zu Schüchternheit neige, war alles, was ich tat, sie stets anzulächeln, wenn sich unsere Blicke begegneten. Der Hammer war – sie lächelte zurück! Und so kamen wir eines Nachts zu fortgeschrittener Stunde ins Gespräch; am Rande der Tanzfläche, beide schon ziemlich angeschickert, sie schrie mir einiges ins Ohr, was ich nicht recht einordnen konnte. Ich schob das auf die brüllende Lautstärke und gedanklich weit von mir. Dann ging alles ziemlich schnell: Wir nahmen ein Taxi, fuhren zu mir und es folgte eine Nacht voll von unbändiger Leidenschaft, wildem Sex und großzügigem Drogenkonsum.
Am nächsten Morgen war sie weg, kein Zettel, keine Telefonnummer, nichts. Ich wollte natürlich mehr davon, aber was tun? Das einzige, was blieb, war natürlich jene Orte aufzusuchen, an denen wir uns immer wieder über den Weg gelaufen waren, und eine Woche später war es soweit: Da stand sie nun, lächelte mich schief an und offenbarte mir bei einem Bier, dass sie mich an jenem Abend verwechselt hatte. Sie hatte mich für einen angesagten Szenemusiker aus dem nahe gelegenen Schweinfurt gehalten. Nun dämmerte mir auch, wie ich zu dem plötzlichen freien Eintritt gekommen war und ja – das tat meinem Ego gar nicht gut. Übrigens bin ich mit dieser Frau auch heute noch befreundet, erst in jüngster Zeit habe ich sie in Berlin besucht und wir haben über die damaligen Ereignisse nochmals herzhaft gelacht.

Der Mythos der eigenen Einzigartigkeit

Weniger zum Lachen war der gedankliche Nachgang. Denn die Erkenntnis, dass der Anblick eines vermeintlich bekannten Gesichts ausreichen kann, um massive sexuelle Handlungen auszulösen, vermag schon mächtig am Mythos der eigenen Einzigartigkeit zu nagen. So gingen die Jahre ins Land, und da ich in dieser Zeit eifrig – im Sinne Humphrey Bogarts – an meiner Physiognomie arbeitete, wäre ich niemals auf die Idee gekommen, dass mir so etwas noch mal passieren könnte. Bis der „Graf“ kam. Damit meine ich den „Graf“ der Band Unheilig, dessen Konterfei mit seinem Hit „Geboren, um zu leben“ urplötzlich überall zu sehen war: Im Netz, in der Zeitung im TV – es gab kein Entkommen und das Schlimme war, dass ich damals nicht nur dieselbe „Frisur“, sondern auch eine sehr ähnliche Barttracht hatte. Fast noch krasser: Der hatte eine ähnlich tiefe Stimme und tanzte sogar wie ich, wie ich auf YouTube entdecken musste. Kurzum: Ob beim Bäcker oder beim „Schlecker“ (den gab es damals noch) – überall wurde ich auf diese Ähnlichkeit angesprochen. Meine damalige Frau fand das lustig und setzte noch einen drauf: Sie erstand auf Ebay einen „Grafenanzug“ und buchte für uns Karten für Unheilig, die ein Charitykonzert in einem Würzburger Möbelhaus gaben. Um es kurz zu machen: Der Graf entdeckte mich im Publikum und es gab jenen kurzen Moment, in dem wir uns in die Augen sahen und beide wussten: Einzigartig sind wir nicht auf dieser Welt, zumindest nicht optisch. Nach nur vier Liedern entschwand der „Graf“ zum Ausgang – zu einer weiteren Veranstaltung. Danach gab es es noch Häppchen vom Sternekoch und die Fans sorgten dafür, dass ich davon nichts abbekam: Hier ein Selfie und da ein Autogramm – meine Proteste, ich sei nicht „Er“, wurden fröhlich ignoriert. An diesem Abend lernte ich noch etwas: Ich will bitte nie ein Promi werden!

Übrigens haben wohl die Deutschen das Wort „Doppelgänger“ erfunden. Denn es wird in vielen anderen Sprachen verwendet, etwa im Englischen, Französischen, Italienischen, Portugiesischen und Spanischen, aber auch im Thai, Chinesischen und Russischen.

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Pustekuchen und weibliche Sichtweisen

Gibt es eine spirituelle Trennung zwischen Mann und Frau? Rein anatomisch gesehen ist der Unterschied ja Fakt. Aber Pustekuchen (und hier eine Spoiler-Warnung: Rein materiell denkende Menschen können hier wegklicken), es gibt Menschen, die sich als Männer auch mal „typisch weiblich“ verhalten (zu denen gehöre auch ich) oder als Frauen „typisch männlich“ (Du vielleicht, liebe Leserin?).

War ich eine Frau? Ja, vermutlich.

Was macht man jetzt mit denen? Früher galt der Duktus: mindestens beobachten, eventuell einsperren – der Schwulen-Paragraph 175, der 1872 in Kraft trat und als Strafmaß bis zu zehn Jahren Zuchthaus vorsah, wurde in der Bundesrepublik erst 1994 abgeschafft. Heute ist das zum Glück ein bisserl anders und ich verbleibe jetzt ganz bewusst auf dem gedanklichen und gesetzlichen Territorium der Bundesrepublik Deutschland. Da sind mentale Überschreitungen der Geschlechtsgrenzen zwar nach wie vor unerwünscht (man stelle sich eine sich outende Bundeskanzlerin vor), aber stehen immerhin nicht unter Strafe.

Tatsächlich habe ich mal eine Rückführung gemacht und dabei entdeckt, dass ich früher wohl eine Frau war (wenn man diesen Dingen Glauben schenken darf, aber immerhin habe ich es selbst ausgesprochen, die Audio-Aufnahme gibt es noch!). Laut dieser Tonaufzeichnung habe ich im nördlichen Teil von Belgien, in Flandern, gelebt. Ich sehe die Bilder noch heute in meinem Geist. Weil sie so klar waren, habe ich dieser meiner Dame einen Namen gegeben: Wilhelmine van Gruyten. In Zukunft werde ich auch Texte schreiben, die aus weiblicher Sicht die Interaktionen zwischen Frau und Mann beschreiben, und zwar in ihrem Namen. Sie hat ein Recht darauf.

Blasen ist Pustekuchen

Womit ich auch schon beim zweiten Thema des Tages wäre – dem Oralverkehr. Was für ein hässliches Wort das ist! Könnte glatt aus dem Vokabular einer Kreisverwaltung zum Thema Verkehrsaufkommen stammen, wenn man es denn nicht besser wüsste. Dabei geht es da ja um die womöglich intimste Handlung, die zwischen Mann und Frau stattfinden kann, nämlich mit dem Mund das Geschlechtsteil des Partners oder der Partnerin zu liebkosen. Dagegen ist der „Akt“ des Penetrierens oder Penetriertwerdens vergleichsweise lieblos.

Welche Berührungsängste die Deutschen in diesem Punkt haben, das zeigt sich bereits in der Sprache. Denn wer von „blasen“ spricht, meint hoffentlich etwas ganz anderes. Denn jede Frau, die jemals versucht hat, mit dem bepusten eines männlichen Geschlechtsteils Erregung zu erzeugen, musste hundertprozentig erkennen, dass das nicht funktioniert. Pustekuchen, sozusagen. Die englische Sprache ist da mit ihrem „to suck“ schon wesentlich näher an der Realität. Wobei kritisch anzumerken ist, dass es dort auch den „Blowjob“ gibt, der von der Wortbedeutung ebenso hirnrissig ist, wie der deutsche Begriff. Wird hingegen eine Frau mit dem Mund verwöhnt, so bezeichnet man dies als Cunnilingus, aus dem lateinischen aus cunnus „weibliche Scham“ und lingua „Zunge“. Was die Sache ziemlich genau auf den Punkt bringt. Verwöhnen sich Mann und Frau gleichzeitig mit dem Mund, so bezeichnet man dies übrigens als „69“. Das klingt zunächst erstmal befremdlich, macht aber Sinn, denn der Begriff ergibt sich aus dem Schriftbild, da die Zahl 9 wie die auf dem Kopf stehende Zahl 6 aussieht. Die Kombination beider Zahlen symbolisiert die entgegengesetzte Körperausrichtung der Beteiligten symbolisiert.

Was die Geschichte des Blasens angeht – ebenfalls Pustekuchen! Wer ursprünglich auf diese Idee gekommen ist, ist nicht bekannt. Klar ist nur, dass es in nachrömischer Zeit gewesen sein muss, denn VI und IX inspirieren nun wahrlich nicht zu sexuellen Assoziationen.

Empfehlenswerte Links für alle, die dazu lernen wollen:

  1. Fellatio01
  2. Fellatio02
  3. Fellatio03
  4. Cunniligus01
  5. Cunniligus02
  6. Cunniligus03
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Täuschen wir uns?

Keine und keiner von uns würde sich einen Lügner nennen. Und natürlich stimmt das auch. Wir halten so gut wie alles, was wir sagen, denken und fühlen, für wahr. Aber da täuschen wir uns ganz gehörig. Nicht die Lüge, sondern unser Glaube an die Wahrheit ist das Problem.

Die Psychologie weiß, dass ein Gros unserer Denkakte vor allem einem dient: unser Selbstbild aufrecht zu erhalten. Wenn der Herr Direktor seiner Putzfrau großzügig einen Zwanziger extra zusteckt und murmelt: „Sie machen Ihre Arbeit wirklich großartig“, dann wollen wir nicht gleich denken, er könnte sie das nächste Mal fragen, ob sie nicht erst bei ihm nach Büroschluss putzen möchte. Nein, nein, solche Direktoren sind die Ausnahme. Viel wahrscheinlicher ist der Direktor tatsächlich hoch erfreut über sein blitzsauberes Büro. Und weil er sich für einen großzügigen Menschen hält, zückt er eben den Zwanziger. Aber nun stellt sich eine Frage: Würde er das auch bei seinem Geschäftsführer tun? Natürlich nicht. Da müsste es wenigstens ein Zweihunderter sein. Mit dem Zwanni festigt der Herr Direktor also auch sein Gefühl: Ich bin ein Direktor und das ist meine Putzfrau.

Ein kompliziertes Terrain, auf dem man sich leicht verheddern kann. Täuschen ist ganz normal, sich täuschen und den anderen täuschen, ganz ohne Absicht. An dieser Stelle frage ich mich: Was tue ich, um gegenüber meiner Partnerin mein Selbstbild aufrecht zu erhalten? Schenke ich ihr zum Beispiel ab und zu Blumen, weil ich mich als romantischen Lover sehe? Setze ich mich regelmäßig (und ganz selbstverständlich) hinters Steuer, weil ich – sicherlich als Mann der bessere Autofahrer bin? Täusche ich einen Orgasmus vor, wenn meine Erektion nicht mehr mitmacht?

Ja, solche Überlegungen können heikel werden. Aber sie lohnen sich erst dann wirklich, wenn ich mal drüber nachgedacht habe, was ich für ein Bild von mir selbst habe. Und wenn ich dann schon grade dabei bin, könnte ich noch dazudenken, mit welchen meiner Reaktionen auf „sie“ zementiere ich „ihr Selbstbild“? Spätestens dann höre ich natürlich auf zu denken und schalte auf Autopilot.

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Seufzen erlaubt

Antwort einer Frau zu „Seufzen verboten“ von Bobby Langer

Um es gleich vorwegzunehmen:

  1. Das „Göttinnen-Gefühl“ kenne ich auch – einerseits in Bezug auf mich und mein Frausein, andererseits als „universelles Gefühl der Liebe“ (worum es aber in diesem Blog nicht oder nur am Rande geht, insoweit eine Thematik aus dem Komplex „Mann-Frau“ in dieses weiterreichende Gebiet hineinragt).
  2. Ja, lieber Mann, Du darfst! (Und darauf gehe ich hier ein; es juckte mich quasi sofort nach dem Lesen in meinen Fingern bzw. regten sich meine Hirn- und Herzzellen, ob jetzt YIN oder YANG, weiblich, männlich oder irgendwas dazwischen!)

Das NEIN, lieber Bobby, beantwortest Du, wie mir scheint, ja bereits durch einige Deiner Fragen. Denn wäre es wünschenswert – im Sinne von LEBEN –, dass ein Mann (der ja in erster Linie erst mal ein Mensch ist) seine Leidenschaft und Fantasie beschränkt, den Schmetterling in seiner Seele (welch schönes Bild!) totschlägt? Das kann ich nur mit einem großen NEIN beantworten. Als Mensch muss ich dies so beantworten. Und so ergibt sich für mich der nächste Schritt: Wie der Mann also damit umgeht, wenn er seine Faszination ausdrückt. Wie reagiert er auf seine Umgebung, wenn sie ihn tatsächlich belächelt? Ist er sich denn selbst seiner ureigenen Männlichkeit bewusst? (Wer sagt überhaupt, dass Schwärmerei für das Schöne, das Göttliche nicht zu Männlichkeit passt? Gab es nicht z.B. die Minnesänger? Was ist mit Autoren wie Garcia Marquez oder Figuren wie Don Juan? Denen wird wohl niemand ihre Männlichkeit abgesprochen haben oder heute absprechen, obwohl sie das Weibliche besungen und hochgehalten haben! Aber sogar, wenn Mann kein offensichtlicher Macho ist, ist er dann unmännlich? Sind wir immer noch nicht so weit, dass jeder Mensch seine eigene Definition für sich selbst finden darf? Ob Mann, Frau oder irgendeine Zwischenform? Gibt es diese statisch anmutende Einsortierung überhaupt? Gab es sie je? Ja, ja, ich weiß: gesellschaftliche Normen und Moden … Aber auch diese wechselten immer wieder. Wie sieht es heute damit aus?)

Obige Fragen wird sich der Mann wohl selbst beantworten müssen, wobei der Austausch auch mit „den“ Frauen dazu beitragen kann und von ihnen bestimmt wird.
Wie sieht es mit Bobby Langers Vermutung aus, dass SIE ihn nicht ernst nähme, wenn er von (und vor) ihr schwärmte? Oder sich gar angemacht fühlte? – Meine Entgegnungen darauf: Achtsamkeit und Mut. Aber eine Garantie gibt es natürlich auch dann nicht, dass eine Offenbarung gegenüber der Erwählten auf die Resonanz stößt, die Mann sich wünscht. Klar. Dafür sind wir – ob Frau oder Mann – zu verschieden, einzigartig jeweils.
Ist es ein Drama für den Mann, wenn Frau sich nicht angesprochen, vielleicht sogar belästigt fühlt? Kann Mann die Reaktion nicht einfach bei der Frau lassen? Wenn sie es nicht annehmen kann, hat es da überhaupt einen Sinn, ihr das Innere (des Mannes) zu zeigen? Welchen?
Und was ist, wenn Mann sich das offene Schwärmen versagt – und so die Chance vertut, mit der Angebeteten in Kontakt (sei es für ein Lächeln, sei es für eine Nacht oder gar länger) zu kommen?

Mir scheint, den Mut aufzubringen, sich selbst auszudrücken in seiner Einzigartigkeit, berührt hier tiefe, allgemein menschliche Bedürfnisse nach Gesehenwerden, nach Angenommenwerden, nach Geliebtwerden …

Was ist nun, wenn Mann sich traute (Fragestellung zwei von Bobby Langer)? Der Blitz trifft ihn beim Anblick dieser Göttin, er möchte zu ihr gehen und sich offenbaren … Und das soll er NICHT dürfen? (Sagt Bobby.) Aber warum, um Himmels willen? Leben wir wirklich noch so im „Mittelalter“ (oder gar noch schlimmer, da ja an sich in den Medien kein Thema mehr tabu zu sein scheint)? … Ich habe keine Antwort darauf. Bin keine Wissenschaftlerin oder Soziologin. Mag da auch keine gesellschaftlichen Konventionen gelten lassen. Ich – Frau in den besten Jahren und mit jeder Menge Lebenserfahrung (mit sich und auch mit vielen Männern) – kann und mag mich wohl auch nur ganz persönlich dazu äußern:

Bitte traut euch, Männer! Seid ganz Mann! Oder einfach: Mensch! Teilt doch bitte uns Frauen mit, wenn ihr begeistert seid! (Ich lasse mal all die Situationen weg, in denen es mal nicht passen kann bei der einen oder anderen, was ja ganz menschlich ist, steht frau ja auch nicht immer auf Empfang!)

Beschenkt uns mit Pfauenaugen, mit Poesie, mit Hingabe! Doch seid authentisch dabei (– nicht jedem Mann mag die Poesie flüssig von den Lippen kommen)! UND: Verwechselt nicht den Ausdruck eurer Verzückung und Verehrung für das Göttliche in dieser Frau mit dem zu erfüllenden Begehren! Denn die Verbrämung von Wunsch nach (sexueller) Lusterfüllung mit  Worten von Anbetung und Schwärmerei, die wird sie durchschauen! Vielleicht nur unbewusst, doch sie wird das Unausgesprochene spüren. Um dies klarzustellen: Ich bin auch dafür, sexuelles Verlangen deutlich auszusprechen (was auch nonverbal geschehen kann). Doch das eine zu sagen und das andere zu meinen, kann zu Verwirrung und natürlich dann auch zu Ablehnung führen. Vielleicht sollte sich Mann erst mal darüber bewusst werden, was sich da in ihm so heiß regt!?

Bobby Langer, Du fragst, ob sie sich als Objekt missbraucht fühlen könnte … Ja, das könnte sie. Doch nur, wenn Mann nicht wirklich selbstbewusst ist und erwartet, dass Frau ihn auch dann versteht und annimmt, wenn er es nicht ist.

Ich plädiere für eine lustvolle UND achtsame Offenheit. Ja, und natürlich auch von uns Frauen gegenüber Männern! … Allerdings haben wir Frauen da mit dem Sich-erklären gegenüber dem Mann wohl noch ordentlich Übungsbedarf! Das war in den vergangenen Jahrhunderten wohl eher nicht so „in“, vermute ich, wenn ich mir die vermittelte, bekannte Geschichte anschaue.

Wie wär’s, wenn wir alle, egal wer wir sind oder wen wir lieben (oder von wem wir uns sexuell angezogen fühlen), mutig lernen, uns ehrlich zu zeigen?! Ohne Erwartung auf irgendeine Erfüllung allerdings, denn dann sind mehr oder weniger schmerzhafte Enttäuschungen wohl vorprogrammiert. Sich zeigen ganz grundsätzlich und nicht nur in in einer Situation der „Liebe“, wenngleich das offensichtlich ein besonders sensibles Feld ist und dementsprechend umso achtsamer „bestellt und beackert“ werden muss.

Wie wäre es also? Wollen wir unsere Leben bereichern? Gegenseitig bereichern? Wollen wir mehr Farben? Mehr Töne? Mehr Gefühle? Mehr Tiefe? Mehr wirkliche Verbindung?

Dann bleibt uns wohl nur eine Richtung: hin zum JA und zum Schwärmen!

Dann wird Seufzen nicht nur erlaubt, sondern willkommen sein!

Arwén